| Deutsches Jugendinstitut

Monatsbericht 09/2021: Ergebnisse der CoKiss-Kurzbefragung „Kinderbetreuung in Deutschland“

Abschluss der KiBS-Elternbefragung: Weniger körperliche Aktivität von Kindern sowie Schwankungen in der Betreuungssituation während der Pandemie.

Medien_Laptop_Schulmaedchen_tippen_iStock_000015287040Medium

Mit dem Abschluss der Elternbefragung Ende August 2021 lässt sich ein Gesamtbild der Betreuungssituation der in der KiBS-Elternbefragung erfassten Kinder über die unterschiedlichen Phasen der Pandemie hinweg nachzeichnen. Die Betreuungssituation der erfassten Kinder unterlag dabei Schwankungen, jedoch verblieb der prozentuale Anteil der aufgrund der Pandemie und des Infektionsgeschehens nicht öffentlich betreuten Kinder, die allerdings grundsätzlich einen Platz in einer Kindertagesbetreuung haben, ab Anfang März 2021 auf vergleichsweise niedrigem Niveau. Ab diesem Zeitpunkt lag der Anteil der nicht öffentlich betreuten Kinder, die normalerweise ein Angebot der öffentlichen Kindertagesbetreuung nutzen, deutlich unter oder bei etwa 20%.

MB_09_2021_Anzahl und Anteile der betreuten_nicht betreuten Kinder bis Schuleintritt 11_2020 bis Ende 08_2021
Anzahl und Anteile der betreuten und nicht betreuten Kinder bis zum Schuleintritt von 11/2020 bis Ende 08/2021 (KW 45–34; 02.11.2020–29.08.2021). KiBS-Elternbefragung, Datenstand: 20.09.2021, ungewichtete Daten. Angaben von 8.917–3.747 Eltern. *Unter die Gruppe der „generell nicht öffentlich betreuten Kinder“ fallen auch Platzzusagen für eine Kindertagesbetreuung, bei der die Eingewöhnung des Kindes zum Zeitpunkt der Befragung noch nicht stattgefunden hatte. Dies betrifft in allen Befragungszeiträumen zw. 1,5% und 1,7% der befragten Familien. Die prozentualen Schwankungen in der Gruppe der generell nicht öffentlich betreuten Kinder von Monat zu Monat gehen vorrangig auf Stichprobenausfälle zurück und nicht, weil Kinder in der Zwischenzeit eingewöhnt wurden.

Mit Blick auf die letzten zwei Erhebungszeitpunkte (Anfang Juli/Aug. 2021 und Ende Juli/Aug. 2021) lässt sich zudem wieder eine leichte Abnahme im prozentualen Anteil an betreuten Kindern im System der öffentlichen Kindertagesbetreuung erkennen. Dies muss jedoch nicht in direktem Zusammenhang zum Infektionsgeschehen stehen, sondern kann bspw. an Ferienschließzeiten in den Kindertageseinrichtungen oder an der Einschulung des Kindes liegen.

Unter Berücksichtigung zusätzlicher Elterninformationen zu den Gründen, warum das Kind Ende Juli/Anfang August 2021 nicht in die KiTa ging, lässt sich diese Vermutung bestätigen. Rund 95% dieser betroffenen Eltern hatten angegeben, dass ihr Kind aufgrund mehrerer regulärer Schließtage der Kindertageseinrichtung oder hinsichtlich eines anderen Grundes, der allerdings nicht in Zusammenhang mit der Pandemie stand, nicht öffentlich betreut wurde.

Bewegungs- und Spielmöglichkeiten von Kindern während der Pandemie

Spielmöglichkeiten sowie komplexe Bewegungsabläufe wie bspw. das Klettern, das Fangen und Werfen eines Balls oder auch rhythmische wie musische Spiel- und Bewegungsangebote sind sehr bedeutsam für die motorische, geistige und intellektuelle Entwicklung von Kindern. Zudem kann mit körperlich-sportlichen Aktivitäten Entwicklungsproblemen wie einer Aufmerksamkeitsdefizit- oder Hyperaktivitätsstörung vorgebeugt werden und zu besseren schulischen Leistungen beitragen. Bewegungsmangel kann hingegen zu unterschiedlichen gesundheitlichen Risiken und zur Entstehung von Krankheiten wie Adipositas und Übergewicht bis ins Erwachsenenalter beitragen. Vor diesem Hintergrund hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Empfehlungen formuliert, in welchem Umfang sich Kinder unterschiedlichen Alters mindestens pro Tag bewegen sollten. Babys unter einem Jahr sollten zum Beispiel mehrmals pro Tag physische Anregung erfahren. Für Ein- bis Zweijährige gilt die Empfehlung, über den gesamten Tag verteilt mindestens 180 Minuten in unterschiedlicher Intensität zu spielen oder aktiv zu sein und sich damit auf verschiedene Weise zu bewegen. Für Kinder im Alter zwischen drei und vier Jahren empfiehlt die WHO ebenfalls mindestens drei Stunden physischer Aktivität mit unterschiedlichem Anstrengungsgrad, davon sollten sich Kinder jedoch mindestens eine Stunde unter größerer Intensität bewegen.

Allerdings ließ sich auch schon vor der Pandemie bei vielen Kindern und Jugendlichen ein Bewegungsmangel feststellen und viele Heranwachsende verfehlten die Bewegungsempfehlungen der WHO in ihrem Alltag. Das liegt nicht zuletzt daran, dass es für viele Kinder nicht mehr selbstverständlich ist, sich frei in ihrer Umgebung bewegen und am Waldrand oder in der eigenen Straße spielen zu können. Häufig verschwinden informelle und spontane Spiel- sowie Bewegungsräume aufgrund des vermehrten Straßenverkehrs, eine stärkere Verstädterung und mehr asphaltierter Flächen. Aufgrund der Coronapandemie und der notwendigen Lockdown-Maßnahmen wurde der eigene Lebensraum für viele Familien zum zentralen Aktionsfeld, was zu fehlenden Bewegungsmöglichkeiten geführt hat. Einige Studienergebnisse konnten während bestimmter Phasen der Pandemie (z. B. Lockdown-Phasen) bestätigen, dass sich Kinder und Jugendliche deutlich weniger bewegten und physischen Aktivitäten nachgingen als vor dem Ausbruch der Pandemie. Überdies zeichnete sich für viele Heranwachsende die Tendenz ab, größere Anteile der Freizeit vor dem Fernseher, der Videokonsole oder insgesamt vor dem Bildschirm zu verbringen, nicht zuletzt auch aufgrund des Homeschoolings.

Fast alle Eltern bemühten sich zum insgesamt letzten Befragungszeitpunkt von Ende Juli bis Anfang August 2021 darum, regelmäßig unter der Woche mit dem Kind rauszugehen und frische Luft zu schnappen. Zusätzliche Informationen der Elternbefragung zeigen darüber hinaus im Zeitverlauf, dass der prozentuale Anteil der Eltern, die mehrmals in der Woche mit ihrem Kind rausgingen, über die Befragungszeitpunkte von Anfang März bis Ende August 2021 stets bei rund 90% lag. Damit stellten gemeinsame Spaziergänge oder andere Unternehmungen an der frischen Luft, trotz phasenweiser Einschränkungen aufgrund der Pandemie, einen festen Bestandteil des Alltags vieler Familien dar.

2MB_09_2021_Einschätzung der Eltern zu Bewegungs- und Spielmöglichkeiten während der Pandemie
Einschätzung der Eltern zu Bewegungs- und Spielmöglichkeiten während der Pandemie, Angaben in Prozent. Angaben von 3.580–3.746 Eltern aus dem Befragungszeitraum Ende Juli bis Ende August 2021 (KW 30–34; 26.07.–29.08.2021). Datenstand: 20.09.2021, ungewichtete Daten. *Die Frage, inwiefern sich das Kind eine Zeitlang unbeaufsichtigt draußen frei bewegen und spielen kann, wurde nur Eltern mit etwas älteren Kindern im Altersbereich von zwei Jahren oder älter gestellt.

Die große Mehrheit der Eltern (86%) hatte zudem angegeben, dass es in der Umgebung ausreichend Bewegungs- und Spielmöglichkeiten für das Kind gab. Dass sich das Kind auch mal eine Zeitlang unbeaufsichtigt draußen frei bewegen kann, z. B. im eigenen Garten, um seine Umwelt zu erkunden, war bei 55% der befragten Eltern möglich. 34% der Eltern wiederum hatten angegeben, dass dies nicht möglich sei.

Zusammenhang zwischen Bewegungs- und Spielmöglichkeiten und dem kindlichen Wohlbefinden

In einem zweiten Schritt wurde statistisch geprüft, inwiefern das Ausmaß der Bewegungs- und Spielmöglichkeiten in Zusammenhang mit den von den Eltern eingeschätzten kindlichen Verhaltensaspekten stand. In den Ergebnissen der statistischen Analyse auf Basis von insgesamt 2.124 Elternangaben kam zum Vorschein, dass Kinder im Schnitt ein geringeres Ausmaß überaktiven Verhaltens an den Tag legten, wenn für sie mehr Möglichkeiten zum Rausgehen und zum Bewegen bestanden. Mit Blick auf weitere Hintergrundmerkmale der kindlichen Lebenssituation zeigte sich, dass geringere überaktive Verhaltensweisen des Kindes auftraten, wenn das Kind nach einer Phase der Nichtbetreuung aufgrund des Infektionsgeschehens und der pandemischen Situation wieder in die Kindertagesbetreuung gehen konnte. Weiterhin wiesen Jungen im Durchschnitt höhere Werte im überaktiven Verhalten auf als Mädchen. Kinder aus Familien mit hoher Bildung zeigten wiederum weniger Verhaltensschwierigkeiten als Kinder aus Familien mit mittlerer oder niedriger Bildung. Das lässt sich darauf zurückführen, dass kindliche Verhaltensprobleme in Zusammenhang mit elterlichen und familiären Merkmalen (wie Familienklima, Erziehungsverhalten, Einkommen) stehen, die häufig in Familien mit höherer Bildung entwicklungsfördernder ausfallen als in Familien mittlerer bis niedriger Bildung.

Die Befunde bestätigen, dass ausreichend Bewegung wichtig für die kindliche Entwicklung und das Wohlbefinden ist. Das belegt die Wichtigkeit vielfältiger im Zuge der Pandemie ins Leben gerufener Unterstützungsangebote und spricht für den weiteren Ausbau präventiver Angebote für Kinder, Jugendliche und Familien. Das Bundesministerium für Gesundheit schlägt hierzu vor, dass bspw. Länder und Kommunen mit Krankenkassen und anderen Trägern gemeinsam unterschiedliche präventive Angebote (z. B. ein gesundes Frühstück, Einhalten von Pausen in Kitas und Schulen) ausbauen und damit Bewegungsmangel, falscher Ernährung und Belastungen entgegenwirken.