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Konflikte bei der Umsetzung von Schutzmaßnahmen aus Sicht von Kita-Personal und Eltern

Daten der CoKiss-Vertiefungsbefragung und der KiBS-Elternbefragung.

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Der Betrieb von Kindertageseinrichtungen, sofern gesetzlich erlaubt, war seit Beginn der COVID-19-Pandemie nur unter Berücksichtigung zahlreicher Schutz- und Hygienemaßnahmen möglich. Die Umsetzung dieser Schutzmaßnahmen erforderte eine erhebliche Umstellung eingespielter Prozesse für alle Beteiligten, wobei mit dem Bildungsanspruch der Kinder, dem Betreuungsanspruch der Familien und dem Schutzauftrag gegenüber Kindern und Personal gegensätzliche Bedürfnisse und Interessen aufeinandertrafen. Führte dies zu Konflikten unter dem pädagogischen Personal und mit den Eltern? Dieser Frage soll auf Basis der Daten der CoKiss-Vertiefungsbefragung und der KiBS-Elternbefragung nachgegangen werden.

Konflikte bei der Umsetzung von Schutzmaßnahmen in der Kindertagesbetreuung aus Sicht von pädagogischem Personal und Eltern

Bei der CoKiss-Vertiefungsbefragung handelt es sich um ein einrichtungsbezogenes Instrument, das auf der ERiK-Leitungsbefragung 2020 aufbaut. Aus den ERiK-Einrichtungen, die sich an der CoKiss-Leitungsbefragung beteiligt haben, wurden 1.200 Einrichtungen zur Teilnahme an der Vertiefungsbefragung ausgewählt. In diesen Einrichtungen wurde das pädagogische Personal in zwei getrennten Gruppen, sogenannten Tranchen, und zu jeweils drei Messzeitpunkten im Abstand von vier bis sechs Wochen zur Teilnahme eingeladen. Die erste Tranche schließt den Zeitraum von Anfang März bis Anfang Juni 2021 (KW 10–KW 22, aufgeteilt auf drei Messzeitpunkte) ein, die zweite Tranche den Zeitraum von Ende April bis Ende Juli 2021 (KW 17–KW 30, aufgeteilt auf drei Messzeitpunkte). Mit den beiden Tranchen mit je drei Messzeitpunkten ergeben sich insgesamt sechs kalendarische Erhebungszeiträume, für die Ergebnisse berichtet werden können. Für die hier vorgestellten Ergebnisse wurden die Daten des jeweils ersten Messzeitpunktes der ersten und zweiten Tranche ausgewertet.

Die CoKiss-Vertiefungsbefragung (Modul I) richtete sich an das pädagogische Personal sowie die Eltern der Kinder in den ausgewählten Kitas. Die CoKiss-Vertiefungsbefragung umfasste dabei ein breites Spektrum an Themen wie die aktuelle Betreuungs- und Arbeitssituation, Aspekte der kindlichen Entwicklung, die eingesetzten Schutzmaßnahmen, Immunität sowie das eigene Wohlbefinden und das des Kindes.

Gefragt wurde u. a. danach, wie häufig es in der Kita zu Spannungen oder Konflikten kommt, die (1) von Eltern bzw. Personen, die die Kinder bringen und abholen oder (2) vom pädagogischen Personal ausgehen. Sowohl das befragte pädagogische Personal als auch die befragten Eltern wurden hierzu um ihre Einschätzung gebeten. Nachfolgend werden die Daten der ersten bzw. zweiten Tranche als Monate März bzw. Mai 2021 bezeichnet, da in diesen beiden Monaten die Teilnahme- und Rücklaufzahlen am höchsten waren.

MB_10_2021_Kita-Personal u Eltern zur Häufigkeit v Konflikten bei der Umsetzung v Schutzmaßnahmen in Kitas
Einschätzung des pädagogischen Personals (links) und der Eltern (rechts) zur Häufigkeit von Spannungen und Konflikten bei der Umsetzung der aktuell empfohlenen Schutzmaßnahmen in der Kita, auf einer Skala von 1 „Sehr selten“ bis 5 „Sehr häufig", Darstellung differenziert nach den Personengruppen, von denen die Konflikte ausgehen; CoKiss-Vertiefungsbefragung, Datenstand: 20.09.2021, ungewichtete Daten, Befragungszeitraum von Anfang März 2021 bis Ende Juni 2021 (KW 10–26); die Informationen links beziehen sich auf Angaben von 1.384 pädagogisch Tätigen (1. Messzeitpunkt, 1. Tranche, KW 10–22; Anfang März 2021 bis Anfang Juni 2021) bzw. 1.456 pädagogisch Tätigen (1. Messzeitpunkt, 2. Tranche, KW 17–26, Anfang Mai bis Ende Juni 2021); die Informationen rechts beziehen sich auf Angaben von 3.224 Eltern (1. Messzeitpunkt, 1. Tranche, KW 10–22; Anfang März 2021 bis Anfang Juni 2021) bzw. 2.810 Eltern (1. Messzeitpunkt, 2. Tranche, KW 17–26, Anfang Mai bis Ende Juni 2021). Aufgrund der Rundungen liegt die Summe innerhalb der Balken teilweise nicht bei 100%.

Von den befragten Eltern konnten knapp 30% keine Einschätzung zu Konflikten, die von (anderen) Eltern ausgehen, abgeben und knapp 40% der Eltern trauten sich keine Einschätzung zu, ob Konflikte vom pädagogischen Personal ausgehen. Unter dem befragten Personal gaben dagegen nahezu alle eine Einschätzung sowohl in Bezug auf Eltern als auch in Bezug auf anderes pädagogisches Personal ab. Angesichts der weitverbreiteten Regelung zum Bringen und Abholen, ohne dass Eltern die Kita betreten, sind diese Angaben nicht verwunderlich.

Unter den Eltern, die sich eine Einschätzung zutrauten, gab in beiden Tranchen jeweils eine deutliche Mehrheit an, dass es sehr selten zu Konflikten mit (anderen) Eltern oder mit dem pädagogischen Personal kam (dunkelblaue Balkenabschnitte in der Grafik). Im März 2021 lag der Anteil unter den befragten Eltern, die von (sehr) seltenen Konflikten (dunkel- und hellblaue Balkenabschnitte) mit anderen Eltern berichteten, bei 60%, im Mai 2021 bei 56%. In Bezug auf Konflikte, die vom pädagogischen Personal ausgingen, lag dieser Anteil der Eltern im März 2021 bei 55% und im Mai 2021 bei 54%. Gleichzeitig berichtete nur ein sehr geringer Anteil der befragten Eltern von häufigen oder sehr häufigen Konflikten (dunkel- oder hellrosa Balkenabschnitte rechts in obiger Abbildung).

Die Sicht des pädagogischen Personals auf die Konflikte bei der Umsetzung von Schutzmaßnahmen in der Kita unterscheidet sich leicht von der Sicht der Eltern. Unter dem pädagogischen Personal gibt es sehr wenige, die sich keine Einschätzung zu den von Eltern oder von Kollegen/-innen ausgehenden Konflikten zutrauten. Betrachtet man unter den verbleibenden Angaben nun die Anteile des befragten Personals, das von sehr seltenen oder seltenen Konflikten berichtete (dunkel- und hellblaue Balkenabschnitte links), so zeigt sich, dass diese Anteile in beiden Tranchen eine deutliche Mehrheit darstellten (Eltern als Ausgangspunkt: 61% im März 2021 und 58% im Mai 2021; Kollegen/-innen als Ausgangspunkt: 68% im März 2021 und 71% im Mai 2021). Gleichzeitig berichtete ein nennenswerter Anteil des befragten Personals von sehr häufigen oder häufigen Konflikten (dunkel- und hellrosa Balkenabschnitte), die von Eltern (15% im März 2021 und 18% im Mai 2021) oder von Kollegen/-innen ausgingen (14% im März 2021 und 13% im Mai 2021). Im Vergleich der beiden Tranchen ist die Tendenz der von Eltern ausgehenden Konflikten dabei steigend, während die Tendenz der von Kollegen/-innen ausgehenden Konflikten nahezu unverändert ist.

Für Eltern und Kita-Personal stellen Schutzmaßnahmen wenig Konfliktpotenzial dar

Sowohl die Mehrheit des Personals als auch der Eltern schätzten die Häufigkeit von Konflikten und Spannungen im Zusammenhang mit den Schutzmaßnahmen im Erhebungszeitraum als gering oder sehr gering ein. Gleichzeitig zeigt sich auch, dass das pädagogische Personal (nicht zuletzt aufgrund seiner Funktion) mehr von akuten Konflikten betroffen war als die Eltern. Dabei liegen allerdings keine Informationen dazu vor, um welche Art von Konflikten es sich handelte. Denkbar sind gegensätzliche Problematiken. Einerseits können Konflikte entstehen, wenn Schutzmaßnahmen in höherem Umfang umgesetzt werden als den beteiligten Personen angemessen erscheint; andererseits kann es auch zu Konflikten kommen, wenn den Beteiligten das Ausmaß der Schutzmaßnahmen nicht genügt. Unterschiede in der Wahrnehmung von Konfliktpotential aufgrund unzureichender Schutzmaßnahmen könnten vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Impfgeschwindigkeit bei Personal und Eltern gedeutet werden.

Die Ergebnisse der CoKiss-Vertiefungsbefragung weisen darauf hin, dass im Mai 2021 bereits rund 80% des pädagogischen Personals das für die Berufsgruppe bestehende Impfangebot genutzt hatten, während im gleichen Zeitraum der Anteil der geimpften Eltern bei nur knapp 40% lag, wobei die Hälfte der Nicht-Geimpften zwar impfbereit, aber noch nicht impfberechtigt waren. Diese nicht-geimpften, aber impfwilligen Eltern erlebten im Befragungszeitraum vermutlich eine größere Diskrepanz zwischen subjektiven Schutzbedürfnissen (durch die Umsetzung von Schutzmaßnahmen) und objektivem Schutz (durch erfolgte Impfung bei vorliegendem Impfwunsch) als das pädagogische Personal.

In den monatlichen Befragungen zwischen März 2021 und Anfang Juni 2021 (also parallel zum hier berichteten Zeitraum der CoKiss-Vertiefungsbefragung) sank unter den befragten Eltern der Anteil derer, die die Schutzmaßnahmen in der Kindertagesbetreuung als zu gering bewerteten, während eine steigende Anzahl das Ausmaß der empfohlenen Schutzmaßnahmen als zu hoch empfand. Das Ende der Bundesnotbremse am 30. Juni 2021, das sowohl eine Aufhebung der Impfpriorisierung als auch eine Lockerung im Bereich der gesamtgesellschaftlichen Schutzmaßnahmen mit sich brachte, markierte vermutlich auch einen Wendepunkt bei den Rahmenbedingungen, die Konflikte um Schutzmaßnahmen in der Kindertageseinrichtung begünstigen können.