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Auswirkungen der Kontaktbeschränkungen in Kindertageseinrichtungen auf die sozialen Interaktionen von Kindern, Fachkräften und Eltern

Die Qualität der Interaktionen zwischen den Kindern hat sich aus Leitungssicht im Vergleich zur Situation vor der Pandemie verschlechtert. Ab Februar 2021 hat sich die Interaktionsqualität der Kinder jedoch wieder erholt und auf vergleichsweise hohem Niveau stabilisiert. Als förderlich für das Zusammenspiel der Kinder erwiesen sich gezielte pädagogische Förderangeboten.

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Zum Schutz vor COVID-19-Infektionen wurden in den Kindertageseinrichtungen in Deutschland weitreichende Maßnahmen zur Kontaktreduktion eingeführt. Hierzu zählten:

  • die Reduktion der Anzahl an betreuten Kindern (Zugangsbeschränkung) und
  • die feste Zuweisung von Kindern zu einer Gruppe, einem Raum und zu dem für diese Gruppe zuständigen pädagogischen Personal.

Vielfach wurde das Distanzgebot im Kontakt mit den Familien konsequent angewendet (Betretungsverbot). In der pädagogischen Arbeit mit den Kindern hingegen wurde zunächst auf die Einhaltung der Abstandsregel und auf das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung verzichtet, mit steigenden Infektionszahlen mussten die Beschäftigten dann jedoch auch im Gruppendienst Mund-Nasen-Bedeckungen tragen. Dabei liefen diese Einschränkungen der Bewegungs- und Begegnungsmöglichkeiten der Kinder pädagogischen Konzepten zuwider, die die Bedeutung eigenaktiven Lernens im sozialen Kontext hervorheben. Neuere Konzepte der Elternkooperation postulieren ebenfalls die häufige und intensive Kommunikation und Zusammenarbeit von Kita und Familie.

Anhand der Daten des CoKiss-Leitungssurveys wurde der Frage nachgegangen, inwiefern die sozialen Interaktionen in der Kita von diesen kontaktreduzierenden Maßnahmen beeinträchtigt wurden. Auf unterschiedlichen Ebenen betrachtet wurden dabei die Interaktionen zwischen:

a) der pädagogischen Fachkraft und den Kindern,

b) zwischen den Kindern untereinander sowie

c) zwischen dem Kita-Personal und den Eltern.

Die untenstehende Abbildung zeigt den Verlauf der von der Kita-Leitung eingeschätzten Interaktionsqualität über die verschiedenen Zeitpunkte (vor der Pandemie, während des 1. Lockdowns, Oktober 2020 bis Juni 2021) hinweg. Sowohl bei der Betreuungsqualität als auch bei der Qualität der Peer-Interaktionen der Kinder und auch bei der Qualität der Elternkooperation nahmen die Kita-Leitungen eine Verschlechterung während der Pandemiezeit wahr. Die größte Beeinträchtigung der Interaktionsqualität wird bei der Kooperation mit den Eltern beobachtet.

7.QB_Einschätzung der Qualität verschiedener Interaktionen durch die Leitung
Einschätzung der Qualität verschiedener Interaktionen durch die Leitung, Datenquelle: DJI, CoKiSS-Leitungsbefragung, ungewichtete Daten, Welle 1 und 2, Datenstand: 17.08.2021, n = 4.366

Bei der Betrachtung der Einflussfaktoren auf die Betreuungsqualität (Fachkraft-Kind-Interaktionen) bzw. ihre Veränderung in der Pandemie zeigen sich folgende Effekte:

  • Leitungen großer Kitas (mit mehr als 100 Kindern im Regelbetrieb) schätzen die Qualität der Fachkraft-Kind-Interaktionen negativer ein als die Vergleichsgruppe der Kita-Leitungen kleiner Einrichtungen.
  • Eine mittlere Auslastung der Einrichtung zum zweiten Befragungszeitpunkt (34–66% der regulär betreuten Kinder) lässt positivere Fachkraft-Kind-Interaktionen erwarten als eine niedrige (0–33%) und als eine hohe Auslastung (über 66%).
  • Größere Schwierigkeiten bei der Umsetzung geltender Hygiene- und Schutzmaßnahmen in der Kita sagen eine Verschlechterung der Betreuungsqualität (Fachkraft-Kind-Interaktionen) voraus. Dies ist ein recht starker Effekt, der sich auf allen drei Interaktionsebenen zeigt.
  • Berichtete Schwierigkeiten der Kita im Umgang mit den Eltern während der Pandemie zeigen ebenfalls einen – wenn auch kleinen – negativen Effekt auf die Betreuungsqualität.
  • Unter den umgesetzten Maßnahmen zum Infektionsschutz in der Kita zeigt die feste Personalzuweisung zu den Gruppen einen positiven Effekt auf die Fachkraft-Kind-Interaktionen; das Distanzhalten der Fachkräfte zu den Kindern in der eigenen Gruppe zeigt, wie zu erwarten, einen negativen Effekt.
  • Wurden in der abgebildeten Pandemiezeit pädagogische Förderaktivitäten häufig durchgeführt, zeigt dies einen positiven Effekt auf die von der Kita-Leitung wahrgenommene Betreuungsqualität.

Für die Qualität der Peer-Interaktionen (im Erhebungsbogen erfragt als Zusammenspiel der Kinder) ließen sich ebenfalls mehrere Einflussfaktoren ausmachen:

  • Leitungen von Kitas mit einem höheren Anteil an sozioökonomisch benachteiligten Familien (bzw. von Kitas in belasteteren Quartieren) nahmen eine deutlichere Verschlechterung der Qualität der Peer-Interaktionen wahr, verglichen mit den Kita-Leitungen in anderen Sozialräumen.
  • Hier erweist sich eine mittlere Einrichtungsgröße als förderlich für die wahrgenommene Interaktionsqualität, also für die Qualität der Peer-Interaktionen.
  • Allerdings scheint eine geringe Auslastung der Einrichtung (wenige anwesende Kinder) ungünstig für das Zusammenspiel zu sein.
  • Der Wechsel zu einem geschlosseneren Konzept (in der Klassifikation offen/teiloffen/geschlossen) sagt eine Verschlechterung des Zusammenspiels voraus.
  • Das Distanzhalten der Fachkräfte zu den Kindern in der eigenen Gruppe ist für das Zusammenspiel der Kinder abträglich.
  • Einen stark positiven Effekt auf das Zusammenspiel der Kinder haben häufige pädagogische Förderangebote während der Pandemie.

 

Schließlich konnte die Qualität der Kooperation mit den Eltern bzw. ihre Veränderung in der Pandemie derart untersucht werden:

  • Auch hier zeigen Sozialraummerkmale sehr deutliche Effekte: Bei hohem Anteil von Kindern aus sozial benachteiligten Familien litt die Elternkooperation.
  • Stärker noch ist der negative Effekt der wahrgenommenen Schwierigkeiten im Umgang mit den Eltern auf die Zusammenarbeit.
  • Das Distanzhalten der Fachkräfte zu den Kindern anderer Gruppen sagt eine schlechtere Zusammenarbeit mit den Eltern voraus – dieser Befund spiegelt vermutlich ein generell restriktives Kontaktregime dieser Einrichtungen.
  • Eine intensivere indirekte Kommunikation, häufiger durchgeführte Entwicklungsgespräche sowie häufigere Tür-und-Angel-Gespräche mit den Eltern zeigen eine bessere Elternkooperation an.
  • Die Verlagerung der Bring-und-Abhol-Situationen in den Außenbereich erweist sich als wenig förderlich für die Elternkooperation.
  • Einen stark positiven Effekt auf die Elternzusammenarbeit haben auch auf dieser Interaktionsebene häufig realisierte pädagogische Förderangebote für die Kinder.

 

Zusammenfassend deuten diese Befunde darauf hin, dass sich die pandemiebedingte Einschränkung der Bewegungs- und Kontaktmöglichkeiten in der Kita allgemein negativ auf die Qualität der Interaktionen ausgewirkt hat und dass dies auf allen drei untersuchten Interaktionsebenen (Fachkraft-Kind-Interaktionen, Peer-Interaktionen, Interaktionen zwischen Kita und Familie) zu beobachten ist.

Als günstige Bedingungen für die pädagogische Beziehung erwiesen sich eine mittlere Auslastung der Einrichtung (nicht zu viele, aber auch nicht zu wenige anwesende Kinder), die stabile Zuordnung von pädagogischem Personal zu den Gruppen, der Verzicht auf das Distanzhalten im pädagogischen Setting und die Realisierung vieler pädagogischer Förderaktivitäten. Ähnliche Faktoren scheinen die typische Verschlechterung der Qualität der Peer-Interaktionen zu bewirken (sehr geringere Auslastung der Kita, Wechsel zu geschlossenen Gruppen, Distanzhalten im pädagogischen Setting; keine bzw. wenig Förderaktivitäten).

Die identifizierten Prädiktoren einer Verschlechterung der Elternkooperation lassen vermuten, dass in Kindertageseinrichtungen, die pandemiebedingt sehr restriktive Kontaktbeschränkungen insbesondere außerhalb der pädagogischen Settings (Kindergruppen) umgesetzt haben (Distanzhalten zu Kindern anderer Gruppen, Kommunikationsabbruch im Lockdown, Verzicht auf Entwicklungsgespräche sowie Tür-und-Angel-Gespräche, Betretungsverbot für Eltern), die Zusammenarbeit mit den Eltern am stärksten beeinträchtigt wurde. Gleichzeitig scheint die Elternzusammenarbeit dann gestützt, wenn die Kita auch (oder gerade) in der Pandemie ihren Förderauftrag intensiv wahrnimmt.

Zur Durchführung der Befragung:

In dem CoKiss-Leitungssurvey wurden 2.529 Kita-Leitungen schriftlich oder online-basiert wiederholt befragt. Das Erhebungsdesign umfasste zwei Messzeitpunkte bei einer zufälligen Aufteilung der Stichprobe in vier Tranchen. Diese wurden nacheinander jeweils zweimal im Abstand von ca. fünf Monaten kontaktiert (1. Tranche: Oktober 2020/Februar 2021; 4. Tranche: Februar/Mai 2021). Hierdurch konnte die gesamte typische Grippesaison von Herbst 2021 bis Frühjahr 2021 abgebildet werden. An der jeweils zweiten Befragung haben insgesamt 1.837 Kita-Leitungen teilgenommen.
Zur Erfassung der wahrgenommenen Interaktionsqualität zwischen den Beteiligten wurden die Kita-Leitungen zu beiden Befragungszeitunkten gebeten, die derzeitige Qualität der Interaktionen im Hinblick auf (1) die Betreuungsqualität Fachkraft/Kind, (2) das Zusammenspiel der Kinder und (3) die Kooperation Eltern/Fachkraft auf einer fünfstufigen Ratingskala (von 1 = „sehr schlecht“ bis 5 = „sehr gut“) einzuschätzen. Um Vergleichswerte für die Zeit vor der Pandemie zu erhalten, wurden die Leitungen bei der ersten Befragung zusätzlich gebeten, entsprechende retrospektive Einschätzungen abzugeben.
Zur statistischen Erklärung der Interaktionsqualitäten wurden (1) zeitkonstante Merkmale der Kita im Sinne von einrichtungsbezogenen Strukturmerkmalen, (2) zeitlich variable Merkmale, die die pandemiebedingten Veränderungen der Strukturmerkmale abbilden, und (3) Angaben zur Organisation des Kita-Alltags genutzt. Letztere betreffen die Umsetzung kontaktreduzierender Maßnahmen, erlebte Schwierigkeiten, genutzte Kommunikationsformen sowie Förderbemühungen.