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6. Quartalsbericht IV/2021: Modul CoKiss: Familienbildung und -unterstützung in Zeiten der Coronapandemie

Wenn Eltern ein familienunterstützendes Angebot im Zuge der Pandemie in Anspruch nahmen, dann hauptsächlich eine Beratung durch ihre KiTa.

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Einschränkungen und Schutzmaßnahmen zur Eindämmung der Coronapandemie bedeuteten für viele Familien beruflichen und finanziellen Unsicherheiten. Zugleich schränkten die Maßnahmen Handlungs- und Bewegungsspielräume sowie entwicklungsförderliche und Ausgleich schaffende Freundschaftskontakte ein. Neben diesen neu entstandenen Herausforderungen bestanden bei Eltern allerdings auch schon vor der Pandemie Untersicherheiten in Fragen der Erziehung und Betreuung des Kindes, was auf einen (oft niederschwelligen) Informations- und Unterstützungsbedarf, unabhängig von der elterlichen Bildungs- und Sozialschicht, hindeutete (vgl. Juncke et al. 2021; Tschöpe-Scheffler 2008).

Unterstützende Angebote für Familien, die diese elterlichen Bedarfe adressieren, richten sich gemäß § 16 Abs. 2 SGB VIII am Alltag, den Erfahrungen, Interessen und Bedürfnissen von Familien in unterschiedlichen Lebenslagen aus. Das umfasst z. B. die Beratung in allgemeinen Fragen der Erziehung, aber auch Angebote der Familienfreizeit oder -erholung. Neben diesen primärpräventiven Leistungen stehen Eltern in belasteten Lebenslagen weitere Hilfen zur Erziehung (vgl. § 27 SGB VIII) oder Unterstützung durch eine sozialpädagogische Familienhilfe (§ 31) zur Verfügung. Eltern oder anderen Erziehungsberechtigten wird so ein breites Spektrum an Leistungen angeboten.

Insbesondere bei der Frage, wie Eltern gut erreicht werden können, spielen Kindertageseinrichtungen eine wichtige Rolle, da Angebote eher dann angenommen werden, wenn sie von vertrauten Personen (Kita-Leitungen, pädagogischen Fachkräften) empfohlen oder angeboten werden und im nahen Sozialraum angesiedelt sind. Kindertageseinrichtungen bilden daher ein wichtiges Glied in der Präventionskette (vgl. Nagy 2016).

Angesichts allgemeiner Unterstützungsbedarfe von Eltern sowie der pandemiebedingt merklich gestiegenen Belastungen stellt sich die Frage, welche familienunterstützenden Angebote von Eltern während der Coronapandemie in Anspruch genommen wurden und welche Rolle dabei Beratungs- und Unterstützungsangebote durch die Kindertagesbetreuung gespielt haben.

Bei weit über der Hälfte der befragten Eltern bestand kein Unterstützungs- oder Hilfebedarf im Zuge der Pandemie. Für die unterschiedlichen Angebote äußerten 73% bis 97% der Befragten keinen Bedarf und es erfolgte keine Nutzung. Interessant ist allerdings, dass ein gewisser Anteil der Eltern gerne ein Angebot in Anspruch genommen hätte, jedoch keines zur Verfügung stand oder es aus anderen Gründen nicht genutzt wurde. Neben ärztlicher oder psychologischer Beratung für Eltern (10%) oder für Kinder (4%) und sonstigen Hilfen (7%) betrifft dies insbesondere niedrigschwellige Familienbildungs- und Förderangebote wie Elternkurse, Elterncafés oder Angebote in Familienzentren (20%), aber auch die Beratung in einer Erziehungsberatungsstelle (9%) oder durch die Kindertagesbetreuung (11%). Kontaktbeschränkungen und Distanzmaßnahmen schränkten weite Bereiche der Kinder- und Jugendhilfe ein und erforderten z. B. von Beratungsstellen, auf andere Kontaktformen umzusteigen (telefonisch/schriftlich) oder zeitweise den Kontakt gänzlich einzustellen (vgl. Mairhofer et al. 2020). Es ist anzunehmen, dass die angesprochenen Unterstützungsleistungen phasenweise aufgrund der Beschränkungen während der Pandemie nicht oder nur eingeschränkt möglich waren und Eltern daher angaben, dass kein bedarfsgerechtes Angebot zur Verfügung stand.

Im Kontrast zur Beratung durch die Kindertagesbetreuung (16%) nutzten die Eltern die übrigen genannten Leistungen deutlich seltener. Erkennen lässt sich hierbei, dass die Inanspruchnahme von Unterstützung eher über Regelinstitutionen wie Kindertageseinrichtungen angenommen wird, offenbar, weil bereits ein Kontakt und eine Vertrauensbeziehung zu den Eltern besteht und Zugangsbarrieren niedriger sind (vgl. Niedersächsisches Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung 2005). Zusammengenommen griffen so insgesamt 27% der befragten Eltern auf mindestens eines der genannten Angebote zurück.

6. QB_Inanspruchnahme familienunterstützender Angebote
Inanspruchnahme familienunterstützender Angebote: DJI, KiBS-Elternbefragung, einmalig erhobene Informationen zu Messzeitpunkt 10 von Ende Juli bis Ende August 2021 (KW 30 bis KW 34) Datenstand: 12.11.2021, n = 3.746 - 3.737, ungewichtete Daten. Wortlaut der Frag: „Haben Sie aufgrund der Coronapandemie innerhalb der letzten zwölf Monate eines der folgenden Unterstützungsangebote für sich oder Ihre Familie in Anspruch genommen?“

Die erlebte Belastung durch die Kindeserziehung begünstigt elterliche Inanspruchnahme familienunterstützender Angebote

Rund 32% (n = 1.184) der befragten Eltern gaben an, dass sie sich gewünscht hätten, z. B. vom Kinderarzt oder der Kindertagesbetreuung genauer über familienunterstützende Angebote informiert zu werden. Besonders bei Befragten, die bereits vor der Pandemie eines der genannten Angebote genutzt hatten, bestand dieser Wunsch. Haben Eltern oder andere Erziehungsberechtigte in der Vergangenheit erfolgreich eine Leistung in Anspruch genommen, ist offenbar die Hemmschwelle geringer, weitere Unterstützungsangebote in Betracht zu ziehen und entsprechende Informationen einzuholen. Interessant ist außerdem, dass Eltern, die größere Belastungsreaktionen (aufgrund der Betreuung und Erziehung des Kindes, größere Angst sich selbst mit SARS-CoV-2 zu infizieren) zeigten, einen höheren Informationsbedarf äußerten. Gleiches gilt für Eltern mit etwas älteren Kindern (z. B. im Kindergarten- oder Vorschulalter) und für Befragte, die in beengten Wohnverhältnissen und mit weniger Bewegungs- und Spielmöglichkeiten für das Kind in der Umgebung leben.

Es bestätigte sich, dass die Inanspruchnahme eines der in der Grafik aufgelisteten Angebote vor dem Ausbruch der Pandemie die Wahrscheinlichkeit erhöht, auch im Zuge der Pandemie solche Hilfen zu nutzen. Demnach erweist sich die Nutzung eines familienunterstützenden Angebots oder eines Beratungsgesprächs als Türöffner zu anderen Kinder- und Jugendhilfeleistungen oder gesundheitsbezogenen Anlaufstellen (vgl. Nationales Zentrum Frühe Hilfen 2010). Von allen untersuchten Aspekten (z. B. dem Bildungsniveau der Eltern, der eigenen Ansteckungsangst, dem Nettoeinkommen, dem Vorliegen eines Migrationshintergrunds, Informationen zu beengten Wohnverhältnissen) erweist sich die erlebte Belastung durch die Erziehung und Betreuung des Kindes als relevant für die Nutzung entsprechender Angebote. Eltern mit höherem Belastungsindex hatten eher eine der geschilderten Leistungen genutzt als Eltern, die eine niedrigere Belastung hinsichtlich der Betreuung und Erziehung des Kindes verspürten.

Diese Ergebnisse unterstreichen die wichtige Funktion von Kindertageseinrichtungen nicht nur als Betreuungsinstitution oder wichtiger Lern- und Entwicklungsort für Kinder, sondern auch als niedrigschwellige Anlaufstelle für ratsuchende Eltern und andere Erziehungsberechtigte. Zugleich wurde deutlich, dass eine bereits erfolgte Angebotsnutzung den Wunsch nach zusätzlicher Information über weitere Unterstützungs- oder Hilfeleistungen und die Inanspruchnahme weiterer Angebote begünstigt. Das bestätigen bereits bestehende Ansätze, Kindertageseinrichtungen nach innen und außen zu öffnen oder zu Familienzentren zu entwickeln. So werden Kitas zu Türöffnern für andere Fachstellen und Fachdienste und schaffen Möglichkeiten des Austauschs und der Vernetzung unter den Familien.